Fernfahrerstreik

Obwohl es für das riesige Land bei weitem die wirtschaftlichste Form des Transportwesens gewesen wäre, wurde in Brasilien in einer rein politischen Entscheidung die Schiene  zugunsten der Interessen der gerade entstehenden Automobilindustrie sträflich vernachlässigt. Der Staat hat in einem für die damalige Zeit beispiellosen Programm  ein weit verzweigtes, teuer zu unterhaltendes  Straßennetz angelegt, und fast der gesamte Waren- und Gütertransport wird nun über Lastwagen auf oftmals halsbrecherischen Straßen abgewickelt. Ein harter Job für die brasilianischen Fernfahrer, sicherlich, und aufgrund der bewußten Vernachlässigung eines staatlichen Schienennetzes trifft der am Montag begonnene Streik der „Kapitäne der Landstraßen“ das Land nun ins Mark. Bereits gestern, Donnerstag, bildeten sich vor den Tankstellen lange Schlangen, in der Hoffnung, den letzten Treibstoff zu ergattern, da derzeit  kein neuer mehr angeliefert wird. In den Großstädten ist es nur eine Frage von Tagen, bis die Versorgung mit Lebensmitteln ernsthaft in Gefahr geraten wird. Aufgrund der fehlenden Bahnstrecken haben die Brummifahrer die Logistik des Landes in der Hand, ihr Streik hat damit eine einzigartige Stellung in einem Staat, in dem insbesondere die staatlichen Angestellten mit schöner Regelmäßigkeit in den Streik treten, um ihre bürgerfinanzierten Privilegien weiter aufzu-stocken. Bemerkenswert ist, daß es bei dem seit Mittwoch andauernden landesweiten Streik der Fernfahrer nicht etwa um die Erlangung persönlicher Vorteile in Form einer Lohnerhöhung geht, sondern vielmehr die Reduzierung diverser Steuern, die alle brasilianischen Bürger gleichermaßen  belasten, gefordert wird. Es geht hier also um etwas Grundlegendes! Eine weitere Besonderheit ist, daß es sich hier nicht um einen gewerkschaftlich organisierten Streik handelt, auch wenn die wichtigsten Gewerkschaften des Transportwesens wie CNTA, ABCAM und UNICAM zwischenzeitlich mit aufgesprungen sind. Vielmehr hatten die Fernfahrer den Streik über die sozialen Medien untereinander selbst organisiert.

Für andere Länder durchaus vorbildlich, werden in Brasilien derzeit korrupte und kriminelle Individuen aus der Politkerkaste entfernt. Dies ist selbstverständlich positiv zu bewerten. Das Problem, das dabei allerdings übersehen wird, ist, daß die Wurzel allen Übels bereits im System der bestehenden Scheindemokratie mit ihren staatlichen Vertretern, die sich in einer schamlosen Selbstbedienungsmentalität um die vom Bürger zwangsweise unterhaltenen staatlichen Freßtröge drängen, angelegt ist. Ich verwende hier bewußt den Ausdruck „Staatsverteter“ und nicht Volksvertreter, denn daß von diesen, lediglich sich selbst und ihrer Partei verpflichteten, Politikfunktionären in irgendeiner Form die Interessen des beherrschten Volkes vertreten würden,  ist eine in vielen Ländern zwar noch immer aufrecht erhaltene Illusion, die aber weltweit immer weniger Bürger zu überzeugen vermag. Die sogenannte „Politikverdrossenheit“ ist kein brasilianisches Phänomen.  Wenn also nicht auch das korrupte, bürgerferne politische System beseitigt wird, werden die grundlegenden Probleme, nämlich Korruption, Ineffizienz, fehlender Einfluß der Bürger und damit die Förderung von Selbstbedienungsmentalität, Vettern- und Mißwirtschaft, die schamlose Plünderung der öffentlichen Kassen, sowie grundsätzlich eine viel zu hohe Staatsquote, einfach weitergehen.

Aus diesem Blickwinkel ist es interessant, daß nun während des Fernfahrerstreiks Stimmen aus der Führung des brasilianischen Militärs laut werden, die offen die Abschaffung des korrupten Systems fordern und die Fernfahrer in ihrem Kampf gegen die unterdrückerische Steuerlast,  sowie ihrem grundlegenden Angriff auf das System ausdrücklich unterstützen.  Interessant ist auch, daß die Aussicht einer Machtergreifung des Militärs in breiten Schichten des brasilianischen Volkes keineswegs als Übel betrachtet wird.  Das bestehende System hat sich in den Augen seiner Bürger selbst diskreditiert, und die Notwendigkeit der Nachjustierung eines außer Rand und Band geratenen Steuersystems  ist außerhalb des Kreises der staatlich Alimentierten ohnehin Konsens. Trotz der offensichtlichen Härten die der Streik für den einzelnen Bürger mit sich bringt, kursiert in den sozialen Netzwerken unter Brasilianern derzeit das Motto „Somos todos caminhoneiros!“ (Wir sind alle Fernfahrer!) Brasilien macht es vor, folge wer Mut hat.

„Somos todos caminhoneiros!“