ENTWARNUNG

Der Streik der Fernfahrer ist offiziell beendet, und anders als bei der großen Überschwemmung in New Orleans blieb es in Salvador, wo wir leben und sich unsere Kanzlei befindet, ruhig. Es gab keine Plünderungen, keine Aufstände oder Tumulte, keine zivilen Unruhen. Das Militär war nirgendwo zu sehen und wurde auch nicht gebraucht. Es kam mit Ausnahme des Treibstoffs auch nicht zu nennenswerten Versorgungsengpässen. Für ein paar Tage war die wirtschaftliche Tätigkeit vermindert, in dem Sinne, daß einige Läden geschlossen blieben.

Der Fernfahrerstreik in Brasilien hat gleichwohl weltweites Medieninteresse erregt und wieder fühle ich mich berufen, zu diesem Anlaß ein paar Dinge zurechtzurücken: Es wird immer wieder berichtet, in Brasilien sei es um die öffentliche Sicherheit nicht sonderlich gut bestellt, so als sei dies ein brasilianisches Phänomen. Wie sieht es in dieser Richtung aber in den USA oder Europa aus? Auch dort glänzt die Polizei im Ernstfall zunehmend mit Abwesenheit. In den großen europäischen und nordamerikanischen Metropolen sind ganze Stadtteile für die lokalen Ordnungskräfte unbegehbar und teilweise verweigern die Versicherer dort wegen des hohen Vandalismusrisikos sogar den Abschluß von KfZ-Versicherungen. Mit Vorliebe wird in der internationalen Presse die brasilianische Kriminalität zum Thema gemacht, obwohl sich diese in ihren gewalttätigen Formen im wesentlichen unter diversen Fraktionen von Verbrechern und der Polizei abspielt und den Durchschnittbürger daher eher selten betrifft. Dadurch wird aber von einem anderen, internationalen, und den einzelnen Bürger viel stärker betreffenden Problem abgelenkt: Wie in den meisten anderen Ländern auch, ist leider in Brasilien eines der größten Probleme die Regulierungswut eines immer weiter anwachsenden Staates, der seinen Bürgern viel zu hohe Steuern auferlegt, und ihnen bei ihrem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Streben zunehmend im Wege steht.

Zumindest regt sich in Brasilien dagegen der Unmut, wie zuletzt im Fernfahrerstreik, der ein durchaus politischer Protest von Bürgern einer bestimmten Berufsgruppe war und trotz aller damit verbundener Härten beim Volk auf enormes Verständnis gestoßen ist. Natürlich haben die Gewerkschaftsfunktionäre sogleich versucht den Fernfahrerstreik als ihre Initiative auszugeben, aber es war eben keine gewerkschaftlich organisierte Aktion zur Durchsetzung von Lohnforderungen, sondern eine von Bürgern initiierte Bewegung zur Anprangerung von Mißständen. Daß die heutigen Gewerkschaften den etablierten Parteien mit ihren politischen Funktionären in jeder Hinsicht viel ähnlicher sind als klassischen Arbeiterbewegungen, haben die arbeitenden Bürger längst gemerkt. Der Brasilianer wehrt sich: im „lava jato“ zeigt die überbordende Korruption reale Konsequenzen in gerichtlicher Verfolgung und langen Haftstrafen der Verantwortlichen. Und Brasilien ist auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen vorbildlich: Immer mehr Gerichtsverfahren sind digital und somit leichter zugänglich, die Gehälter der einzelnen Staatsbediensteten werden für alle Bürger offen einsehbar im Internet ausgewiesen. Obwohl die übersensibilisierten Vertreter der Diskussionswissenschaften gerne das Gegenteil behaupten, gibt es in Brasilien auch keine nennenswerten Probleme mit Rassismus. Dies kann von anderen Ländern mit hohem schwarzen Bevölkerungsanteil, wie zum Beispiel USA, Frankreich oder Großbritannien sicher nicht so ohne weiteres behauptet werden.

Ich lebe seit 20 Jahren in Brasilien und habe es nie bereut. Natürlich will ich jetzt niemandem einreden, Brasilien sei das Land in dem Milch und Honig fließt. Es ist aber sicherlich auch nicht das, was Ihnen in der Zeitung verkauft wird.