Neues Spiel, neues Glück…

Als ich diesen Blog begonnen hatte, war eines meiner Motive dafür mein Eindruck, die ausländische Berichterstattung über Brasilien sei nicht eben besonders objektiv. Mir kam die Beurteilung der hiesigen Zustände nicht fair und ausgewogen vor. Es schien mir, mein Gastland bekäme über Gebühr Prügel von Journalisten aus Ländern, in denen Korruption, Altersarmut und soziale Spannungen in den letzten Jahren rasant zugenommen haben und ein wenig Eigenreflektion durchaus angebracht wäre. Dieser Eindruck erhärtet sich nun mit der Wahl von Jair Bolsonaro zum brasilianischen Präsidenten.

Ich möchte ihn hier nicht verteidigen, der Mann ist Politiker, beruflich, schon seit Jahrzehnten, und als Bürger habe ich gelernt, daß Politiker nicht eben vertrauenswürdig sind. Ich habe gelernt, daß auf die Beteuerungen in ihren Wahlkampfreden nicht viel zu geben ist. Das Wenigste davon wird später umgesetzt. Gerade wir Deutschen kennen das ja nur zu gut. Auch die Journalisten als bezahlte Beobachter der Politszene wissen das. Warum dann aber dieser Kreuzzug der ausländischen Presse gegen den Neuen? Der Mann hatte noch nicht die Gelegenheit auch nur irgend etwas zu tun, schon wird er verteufelt, wird mit Donald Trump und gar Adolf Hitler verglichen. Mal ganz abgesehen davon, daß die Hitlervergleiche mittlerweile eine inflationäre Modeerscheinung geworden sind, Assad, Gaddafi, Putin und Hussein, sogar Merkel können ein Lied davon singen, jeder Falschparker ist heute schon ein Nazi, trifft es natürlich in keinerlei Weise zu. Das ist ungefähr so hilfreich und zutreffend wie der Vergleich mit Frank Sinatra oder King Kong. Warum also? Nun, es soll offenbar Angst geschürt werden. Aber wo? In Brasilien? – Nun die meisten Brasilianer lesen weder die New York Times noch die Frankfurter Allgemeine, es scheint daher eher so, als ziele diese tendenziöse Panikmache auf ein anderes Publikum. Könnte es sein, daß ein linkes Establishment in Amerika und Europa ob seiner epochalen Fehler und miesen Leistungsbilanz verzweifelt versucht auf andere zu zeigen? Frei nach dem Motto: „Ihr könnt ja noch froh sein, daß es Euch so gut geht hier mit uns. Da in Brasilien, da kommt ein neuer Hitler, ein Tropen-Trump“. War es denn nicht schon immer verwunderlich, daß gerade der „linke“ Lula, obwohl er nachgewiesenermaßen der Drahtzieher eines der größten Korruptionssysteme war, das dieses Land je gesehen hat, obwohl er die Gesellschaft gespalten hat wie kein Zweiter, obwohl er mit Diktatoren wie Fidel Castro und Hugo Chavez geflirtet hat, obwohl er das Land beraubt und wirtschaftlich ausgeblutet hat, ein Lieblingskind der westlichen ausländischen Presse war? Könnte es sein, daß nicht zählt, was Lula hinterlassen hat, solange er eben eine „sozialistische“ Politik gemacht hat? Kommt es etwa nur auf die Ideologie und nicht auf die Leistungsbilanz an? Offenbar schon, denn daß die Brasilianer nach all diesen Milliardenplünderungen, Firmenpleiten, Rekordarbeitslosigkeit, Rekordkriminalität, usw., einen neuen Kurs einschlagen wollen kann man ihnen eigentlich kaum verübeln, aber verübelt wird es ihnen doch. Auch daß die Brasilianer als souveräne Bürger ihres Landes diesen Kandidaten frei und demokratisch gewählt haben, zählt anscheinend nicht viel in den Augen der Kommentatoren. Im Ausland weiß man eben alles besser, da weiß man, wie man mit den Problemen der Welt richtig umgeht, oder zumindest ist man sich einig, was auf gar keinen Fall geschehen darf.

Nun, die Brasilianer scheinen dazu auch eine Meinung zu haben und als man sie an die Wahlurnen gerufen hat, hat sich diese manifestiert, ob das der restlichen Welt jetzt paßt oder nicht. Die Brasilianer haben die Fehler im eigenen Haus gesehen und sie leugnen sie nicht, sie versuchen nicht, sie unter den Teppich zu kehren, wie dies etwa in der EU immerzu und erstaunlich unverschämt getan wird. Sie gehen die Probleme an mit einem Politik- und Dogmenwechsel.

Ganz eigennützig wünsche ich den Brasilianern in diesem neuen Jahr mit ihren neuen Präsidenten alles Gute. Die Bedenken gegen Bolsonaro teile ich nicht, obwohl ich nicht mit allem einverstanden bin, was er in den Wahlkampfreden von sich gegeben hat. Daß die PT nach 13 Jahren Mißwirtschaft abgewählt wurde, sehe ich mit unverhohlener Freude und Hoffnung. Wo die Probleme erkannt und benannt werden, besteht Hoffnung, wo sie krampfhaft vertuscht werden, hingegen nicht. Ich setze auf Brasilien, schon lange, und meine Beobachtungen hinsichtlich dessen was in der sogenannten „westlichen Welt“ vor sich geht, bestätigen mich in meiner Wahl immer weiter.

Wir scheinen in Zeiten zu leben, in denen man immer leichter immer mehr Informationen bekommt und sie scheinen mir doch immer falscher. Wenn man sich eine eigene Meinung bilden will, muß man wohl wieder selber schauen und selber denken. Kommen Sie nach Brasilien. Schauen Sie selbst. Es wird auf die Dauer immer wahrscheinlicher werden, daß Sie gar hier leben wollen…